Zwischen Wohlfühlen und Abhängigkeit

Klaus Meurer (Name geändert) sitzt im Rollstuhl und lebt im Seniorenzentrum. Vor über 34 Jahren hat der Alkohol sein Leben fast zerstört. Damals war er 20 Jahre alt und arbeitete auf dem Bau. Eines Tages verursachte er mit seinem Motorrad einen Unfall. Alkoholisiert. Seit dem Unfall ist er querschnittsgelähmt.

Viele Jahre lang wurde Klaus zu Hause von seinen Eltern gepflegt. Der Tod eines Elternteils vor zehn Jahren führte ihn zur Kurzzeitpflege in ein Pflegeheim. Anfangs sträubte er sich massiv gegen diesen Weg – doch dann wechselte er bald in die Dauerpflege. Während seines Aufenthalts lernte er, dass Lebensqualität in seiner Situation nicht nur aus Trinken, Rauchen und Essen besteht. Dennoch hält ihn die Sucht bis heute fest, der Alkohol spielt nach wie vor eine große Rolle in seinem Leben. Noch kann er den Bierkrug selbst halten. Doch beim Rauchen muss ihm jemand die Zigarette anzünden.

Selbstbestimmt und wie vorher zu Hause zu leben: Das ist für die meisten Bewohner in einem Seniorenzentrum das wichtigste Kriterium für Lebensqualität im Alter. Dabei ist diese Selbstbestimmung facettenreich: Was ziehe ich heute an? An welchen Aktivitäten nehme ich teil, an welchen nicht? Was will ich essen und was will ich trinken? Der Gesetzgeber fordert und fördert diese Selbstbestimmung ausdrücklich. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Pflegeheimen jedoch bedeutet das mitunter eine Gratwanderung. Denn selbstbestimmt zu leben heißt ja auch, Entscheidungen zu treffen, die nicht guttun, die der Gesundheit schaden oder gar gefährdend sind – eben Süchte zum Beispiel. Süchte hören ja nicht plötzlich mit dem Umzug ins Seniorenzentrum auf.

Zigaretten, das tägliche Glas Bier oder Medikamentensucht: Die Mitarbeiter der Altenhilfe in den Zieglerschen werden im Alltag mit einer Vielzahl von Süchten konfrontiert. Für Raucher im Seniorenzentrum gibt es klare Regeln und Orte, an denen das Rauchen erlaubt ist. Beim Alkohol ist das schwieriger: Oft werden entsprechende Bedürfnisse beim Aufnahmegespräch verschwiegen. Für viele Senioren gehört das Glas Wein zum Abendessen dazu. Die Bewohner sollen diese Lebensqualität behalten, die Altenhilfe will hier nicht reglementieren. Trotzdem kann die Grenze zwischen Wohlfühlen und Alkoholabhängigkeit fließend sein.

Ähnlich verhält es sich mit der eigenständigen Medikamenteneinnahme. Jede ärztliche Verordnung wird im Seniorenzentrum genau dokumentiert und überprüft. Aber was passiert, wenn ein Bewohner sich seine Mittelchen bei verschiedenen Ärzten oder über andere Wege selbst besorgt? Bei der Medikamentensucht verändert sich das Suchtverhalten oftmals mit der Zeit: Was in jungen Jahren mit einem gelegentlichen harmlosen Schmerzmittel beginnt, wird im Alter plötzlich zur unverzichtbaren täglichen Droge. In solchen und ähnlichen Fällen wird der suchtkranke Bewohner von einem professionellen und geschulten Team zusammen mit einem Arzt beraten. Um Schmerzen anders als nur mit Hilfe von Tabletten lindern zu können, steht den Senioren beispielsweise eine »Pain Nurse« zur Seite. Sie berät entsprechend der ärztlichen Diagnose und zeigt alternative Schmerztherapien auf. Gemeinsam werden dann klare Absprachen getroffen und Pläne vereinbart.

Ganz klar: Die Lebensqualität der Bewohner steht in den 23 Seniorenzentren der Zieglerschen an erster Stelle. Aber: wichtig ist auch, dass die Seniorinnen und Senioren gut zusammenleben können. Daher darf durch einen zu hohen Konsum von Suchtmitteln kein aggressives oder gewalttätiges Verhalten entstehen. So ist der Rollstuhl von Klaus unter Alkoholeinfluss schon das eine oder andere Mal umgestürzt oder an der Aufzugtüre hängengeblieben. Und nicht selten strapaziert er des Nachts die Geduld des Pflegepersonals. Zum Glück wissen diese professionell und gut mit Klaus’ Verhalten umzugehen. Und das müssen sie auch, denn bislang verhallte jeder Ratschlag von Ärzten oder Pflegern bei Klaus ungehört. Auch das ist Selbstbestimmung.

Szenenwechsel. Auch in der ambulanten Betreuung der Behindertenhilfe der Zieglerschen gibt es Kunden, die zu Suchtverhalten neigen. Smartphones, Nutzung von Spielautomaten, Essen, Rauchen, Alkohol trinken etc. – die Liste ist lang. Doch hier stehen die Mitarbeiter der Ambulanten Dienste außerdem noch ganz anderen Herausforderungen gegenüber: »Deutschlandweit stellen sich Mitarbeitende von Ambulanten Diensten die Frage, welche geeigneten Therapiekonzepte es für Menschen mit Behinderung gibt«, sagt Claudia Apel, Leiterin der Ambulanten Dienste. Dabei ist egal, ob es um Menschen mit geistiger Behinderung, um Lern- oder um Hör- und Sprachbehinderung geht. »Bisher sind wir auch im Austausch mit anderen Anbietern nicht fündig geworden«, sagt Apel. Menschen mit Behinderung gehen zum Entzug in Kliniken und erhalten ebenso wie Menschen ohne Behinderung anschließende Reha-Maßnahmen.

Was heißt das für die Betroffenen aus der Behindertenhilfe? »Beim Entzug fängt es schon an, denn unsere Kunden sind den Anforderungen eines Krankenhausaufenthaltes ohne unsere Assistenz nicht gewachsen«, sagt Apel. Wenn die Krankenhäuser in der Nähe sind, organisiert sie mit ihrem Team Besuche, damit die Kunden mit Assistenten-Hilfe ihre Aufgaben erfüllen können.

Anders bei Reha-Maßnahmen: »Diese sind weitaus schwieriger. Die vorhandenen Therapiekonzepte orientieren sich nicht am Bedarf unserer Kunden. Diese sind mit den Anforderungen eines Krankenhauses oder einer Rehabilitationseinrichtung entweder von Anfang an oder nach kurzer Zeit überfordert.« Alleine die Sprache inhaltlich nicht zu verstehen reicht aus, um bei ihnen ungute Gefühle auszulösen. Es folgen Abbrüche und Frustrationen. Was fehlt, ist ein entsprechendes Angebot. »Diese Marktlücke sollte bald geschlossen werden. Über Marktforschung könnte man herausfinden, wie hoch der Bedarf ist und wie sich diese Maßnahmen finanzieren lassen«, so Apel.

Derzeit begleiten die Ambulanten Dienste zwei Männer, die seit vielen Jahren trocken sind. Claudia Apel: »Die beiden beschreiben einen steinigen Lebensweg und sind sehr froh, dass sie es geschafft haben.« Sie wissen, die Gefahr lauert überall, eine Garantie gibt es nicht. Allerdings haben sie die schreckliche, anstrengende und einsame Zeit während ihrer Sucht nicht vergessen. Da wollen sie nie wieder hin.

Einsamkeit – diesen Zustand kennen auch viele Besucher der Vesperkirche im Landkreis Ravensburg. Seit 2009 veranstalten das Diakonische Werk Ravensburg und die Johannes-Ziegler-Stiftung gemeinsam die Vesperkirche. 2017 begrüßten die Organisatoren ihren 100.000. Gast. »Dass darunter auch viele Gäste sind, die eine irgendwie geartete Suchterkrankung haben, ist uns klar«, sagt Harald Dubyk von den Zieglerschen, einer der Organisatoren. Immer wieder tauchen alkoholisierte Gäste auf, die buchstäblich am Rande der Gesellschaft leben. Aber das gehört zu einer Vesperkirche unter dem Motto »Offen für alle« dazu. Die Gäste tragen ihren Alltag – und damit auch ihre Alltagssüchte – in die Kirche hinein. »Die Vesperkirche ist somit auch ein Spiegelbild der Gesellschaft«, so Dubyk. »Und in einem begrenzten Kirchenraum fällt das auch sofort auf.«

Bisher gab es damit kaum Schwierigkeiten. »In Weingarten mussten wir einmal einen stark alkoholisierten und verbal aggressiv auftretenden Gast aus der Kirche bitten«, erinnert sich Harald Dubyk. Dass der Gast zudem im Rollstuhl saß, war für die Verantwortlichen nochmals herausfordernder. »Aber es ging in dieser konkreten Situation leider nicht anders. Sonst wäre es wohl eskaliert. Hier haben wir uns für die Gemeinschaft und nicht für den Einzelnen entschieden. Das fiel nicht leicht«.

Was kann man tun, damit Sucht gar nicht erst entsteht? Wie verhindert man, dass Kinder und Jugendliche rauchen, trinken oder Drogen nehmen? Solche Gedanken macht man sich an der »Schule am Wolfsbühl« in Wilhelmsdorf schon lange. Die Schule gehört zum Hör-Sprachzentrum der Zieglerschen. Hier lernen Kinder und Jugendliche mit Problemen beim Hören und Sprechen. Einige wohnen im Internat. In der Wohngruppe 1 des Internates macht man sich besonders viele Gedanken: Die zwölf Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren bestärken sich gegenseitig, gar nicht erst mit den Lastern anzufangen. »Be smart – don’t start«, übersetzt also: »Sei klug und fang gar nicht erst an«, heißt ein Antiraucher-Wettbewerb, an dem auch in diesem Jahr wieder über 5.000 Schulklassen aus ganz Deutschland teilgenommen haben. Die WG 1 aus Wilhelmsdorf war eine davon – und besonders erfolgreich. Denn wieder einmal ging auch in diesem Jahr ein Preis nach Wilhelmsdorf. Schon vor zwei Jahren hatte die WG 1 für die tolle Idee einer Geocaching Tour zum Thema Rauchen gewonnen. Beim Geocachen wird mit Hilfe eines GPS-Gerätes nach »caches« gesucht. Ein cache ist beispielsweise bis heute in der Nähe des Wilhelmsdorfer Friedhofes versteckt und heißt »Raucher sterben schneller«.

Laut Michael Kostelecky, dem langjährigen Erzieher der WG 1, lief das alles eher nebenher mit. »Vor allem wollen die WG-Kinder wissen, wie meine persönlichen Erfahrungen mit Alkohol und Nikotin aussehen und ob mir Drogen im Leben geholfen haben«, sagt Kostelecky. Solche Fragen bespricht die Wohngruppe dann beim gemeinsamen Essen. Wichtig ist, über die Gefahren von Sucht zu sprechen. Auch haben schon Gespräche mit Patienten der Fachklinik Ringgenhof oder mit aktiven Rauchern stattgefunden. »Die WG-Kinder können dadurch ansatzweise nachvollziehen, wie eine Sucht entsteht«, so Kostelecky.

In vielen Elternhäusern wird geraucht. Für Erzieher Michael Kostelecky ist es schon eine große Leistung, wenn die Jugendlichen das Verhalten ihrer Eltern nicht nachahmen. »Solche Kinder sind mehr gefährdet«. Somit ist wichtig, dass Prävention möglichst früh beginnt. Die Chancen in Wilhelmsdorf stehen jedenfalls nicht schlecht. Denn im Flur der WG 1 hängt eine Liste mit den Namen aller Kinder. Hinter jedem Namen findet sich ein Häkchen und die Unterschrift des Kindes. Ich fange nicht an, bedeutet die Unterschrift. Ein guter Schritt.

Von Jacqueline de Riese, Claudia Apel, Harald Dubyk, Jens Walther und Katharina Stohr.