»Deinen Job möcht´ ich haben...«

Wenn man nachts das Kirchheimer Seniorenzentrum Henriettenstift betritt, taucht man ein in eine andere Welt. Was tagsüber quirlig und voller Leben ist, vermittelt in den nächtlichen Stunden einen Ort der Ruhe und Stille. Für »Schwester Ilona«, wie Ilona Schroeter liebevoll genannt wird, ist es die ideale Arbeitszeit. Seit acht Jahren arbeitet sie im Nachtdienst. Das Porträt.
»Deinen Job möchte ich auch haben, anderen beim Schlafen zusehen.« – Ilona Schroeter hat diesen Satz leider schon viel zu oft gehört. Meistens hört sie dann einfach weg, denn viele Menschen kennen eben die zahlreichen Herausforderungen einer Pflegefachkraft im täglichen Nachtdienst nicht.

Seit 38 Jahren arbeitet die gelernte Krankenschwester in der Pflege. Vor acht Jahren wechselte sie vom Tag- in den Nachtdienst. Was andere Kollegen als anstrengende Schicht empfinden, ist für Ilona Schroeter der ideale Beruf. Besonders gefällt ihr die Eigenständigkeit und Verantwortung, die sie jede Nacht übernehmen darf. Nachts arbeiten zwei Pflegekräfte im Seniorenzentrum Henriettenstift in Kirchheim/Teck.

Ilona Schroeters eigener Biorhythmus hat sich an die ungewöhnliche Arbeitszeit längst gewöhnt. Nach dem Dienst geht »Schwester Ilona«, wie sie liebevoll von den Bewohnern genannt wird, morgens direkt ins Bett. Der Nachtdienst ermöglicht ihr, mehr freie Tage zu genießen. Im Schnitt arbeitet sie nur an zehn bis zwölf Nächten im Monat. Sie selbst und ihre Familie haben viele Vorteile davon.

Dass der Nachtdienst andere Aufgaben als die Tagschicht mit sich bringt, ist selbstverständlich: Beispielsweise findet keine Grundpflege statt, Visiten durch Ärzte und Besuche durch Angehörige entfallen.

Ilona Schroeter kennt den Unterschied zwischen den Schichten: »Was die meisten nicht wissen ist, dass man teilweise die Bewohner anders kennenlernt als die Kollegen von der Tagschicht. Kommt man am Tag in das Seniorenzentrum, begegnet einem ein Mensch, der angezogen und selbstständig durch die Einrichtung schreitet. Nachts kann die gleiche Person komplett pflegebedürftig sein.«

Unruhezustände bei den Bewohnern, der nächtliche Gang zur Toilette, Schlafstörungen, Langeweile oder der nächtliche Hunger führen beispielsweise bei den Bewohnern zum Betätigen der Nachtklingel. Menschen mit Demenz folgen teilweise auch nachts ihrem Bewegungsdrang. Ilona Schroeter ist in einer Nacht viel unterwegs, denn der Gehörsinn verändert sich im Nachtdienst und sie ist oft schon auf dem Weg, bevor die Nachtklingel läutet. Wenn die Bewohner ruhig schlafen, stehen noch weitere Vorbereitungen und Aufgaben an.

Ihre Schicht dauert von 20.30 Uhr bis 06.30 Uhr. Zur nächtlichen Arbeit gehören die Übergabebesprechungen, die Medikamentengaben und die regelmäßigen Rundgänge. Am Abend freuen sich die Bewohner schon auf ihren persönlichen Gute-Nacht-Gruß zu Beginn der Schicht. »Nachts erfolgt eine Sichtkontrolle, wir wollen die Bewohner ja nicht aufwecken. Jeder kennt das störende Gefühl im Krankenhaus, wenn während der Tiefschlafphase plötzlich die Tür laut aufgeht«, erzählt Ilona Schroeter.

Für Bewohner mit Schlafstörungen gibt es neben beruhigenden Gesprächen und dem Tipp, die Augen auszuruhen, auch noch das gute alte Hausmittel »Heiße Milch mit Honig« – das hilft fast immer und weckt außerdem viele gute Erinnerungen an die eigene Kindheit und das Gefühl, umsorgt und behütet zu sein.

Wieviel Verantwortung eine Pflegefachkraft im Nachtdienst hat, wird bei Notfällen deutlich. Teilweise entscheidet das richtige Handeln innerhalb von Minuten: Ein Mitarbeiter informiert den Notarzt und die zweite Pflegefachkraft handelt gegebenenfalls entsprechend der Patientenverfügung. Emotional aufwühlend ist jedes Mal der natürliche Tod eines Bewohners. Bei Wunsch des Bewohners oder der Angehörigen arbeitet das Seniorenzentrum mit einer Hospizgruppe zusammen und informiert die Angehörigen – auch in der Nacht. »Dann begleiten wir unsere Senioren und die Angehörigen in den letzten Minuten bis zum Schluss.«

Ab 5.00 Uhr morgens erwacht das Seniorenzentrum langsam wieder zum Leben. Die Türen werden geöffnet, Bewohner beginnen ihren Tag und bald kommen auch die Kollegen der Frühschicht. Als langjährige Mitarbeiterin kennt Ilona Schroeter die meisten Kolleginnen und Kollegen der Tagschicht.

Ob Ilona Schroeter bis zur Rente im Nachtdienst arbeitet, kann sie noch nicht sagen. Das hängt sicher auch von der eigenen Gesundheit ab. Der Job im Nachtdienst ist nicht nur emotional, sondern auch körperlich recht anstrengend, denn die Zahl der Schwerstpflegefälle ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Schwester Ilona lächelt: »Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß und ich gehe jeden Morgen mit dem guten Gefühl nach Hause, alles richtig gemacht zu haben.«

Von Jacqueline de Riese