Stille Nacht, heilige Nacht?

Ein Impuls von Pfarrer Gottfried Heinzmann
Stille Nacht, heilige Nacht … Kein anderes Weihnachtslied ist bekannter. Kein anderes Weihnachtslied hat mehr Fans und mehr Kritiker. Und kein anderes Weihnachtslied schafft es, die Menschen so in Weihnachtsstimmung zu versetzen wie »Stille Nacht, heilige Nacht«. Es bringt zum Ausdruck, wonach sich viele Menschen sehnen. Nach Stille und Ruhe in einer lauten und hektischen Welt. Nach einem schönen, ruhigen, »heiligen« Weihnachtsfest im Kreise der Familie. Nach etwas, das Geborgenheit und Sinn gibt.

Wie war das damals? Wenn ich mich in die Situation von Maria und Josef hineinversetze, dann war ihre Nacht alles andere als still und ruhig. Erschöpft von einer langen Reise bringt Maria ihr erstes Kind zur Welt. In einer Notunterkunft ohne fachkundige Hilfe. Dann kommen schon die ersten Besucher. Wildfremde, raue Gesellen, die einfach zur Stalltür hereinkommen. Sie erzählen von Engeln, stammeln etwas von großer Freude und sehen in dem neugeborenen Kind den Heiland für alle Völker. Dann sind sie wieder weg. Maria, Josef und das Kind bleiben zurück. Von Maria wird erzählt: »Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.«

Und wie ist das heute? Nur wenigen Menschen gelingt es, entspannt und ruhig in den Heiligen Abend zu gehen. So sehr sie sich das auch wünschen. Bei vielen ist es rein äußerlich ein hektischer Tag. Auch innerlich geht es oft alles andere als ruhig und heilig zu. Da sind die eigenen Erwartungen und Enttäuschungen, die Spannungen in der Familie, die Sehnsucht nach einem schönen Weihnachtsfest und die manchmal gar nicht dazu passende Realität. Noch anspruchsvoller ist die Situation bei denen, die über Weihnachten arbeiten müssen. Wie gelingt es, die Arbeit zu bewältigen, für die Menschen da zu sein, mit ihnen Weihnachten zu feiern und noch ein kleines bisschen Weihnachten für sich selbst zu erleben?

Mich entlastet die Vorstellung, dass schon das erste Weihnachtsfest der Geschichte alles andere als ruhig und geordnet verlief. Ich merke: Weihnachten wird es nicht dadurch, dass alles perfekt ist. Weihnachten hängt auch nicht von meiner weihnachtlichen Stimmung ab. Bei Maria lerne ich: Weihnachten wird es dadurch, dass ich Gottes wertvolle Worte in meinem Herzen bewege. Wertvolle Worte, die mir deutlich machen, dass Gott da ist. In diesem Kind in der Krippe. Ganz nah bei mir. Eine Liedzeile aus »Stille Nacht, heilige Nacht« kann dafür eine Hilfe sein: »Jesus der Retter ist da!«