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»Ich habe mich selber nicht mehr leiden können«

04.10.2017 | Von Annette Scherer | Suchthilfe

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»Man muss sich annehmen und mit sich zufrieden sein. Das macht viel gelassener. Ich kann aber auch nach wie vor ausflippen– nur jetzt halt ohne Alkohol« | Foto: Symbolfoto (istockphoto/ mikanaka)

Alkohol gab’s in seiner Familie eigentlich immer. Sein Vater war alkoholkrank, nahm sich das Leben, als Peter Knauer (Name geändert) 18 war. »Bei Festen, Besuchen oder beim Sport – alle haben immer gesoffen.«

»Ich dachte, das wäre normal«, erinnert er sich. Und hat irgendwann einfach mitgesoffen. Da war er 15 oder 16. In Spitzenzeiten leerte er 20 Flaschen Bier und einige Schnäpse pro Tag. Dazu einen Beutel Tabak. Später kamen noch Hasch, Marihuana, Kokain, Speed und Schmerzmittel dazu. Bis es irgendwann nicht mehr ging....

Zum Austausch über seine Geschichte lädt Peter Knauer in sein heimisches Wohnzimmer in einem renovierten Bauernhaus in einer oberschwäbischen Gemeinde ein. Ein sportlicher, aufgeschlossener Mann steht gleich nach dem ersten Klingeln an der Türe und bietet an einem glänzenden, dunkelbraunen Tisch Platz an. Direkt beim Esstisch eine Pinnwand mit Fotos von jungen, hübschen Mädchen. »Meine drei Töchter! « sagt er stolz. Der gute Kontakt zu ihnen ist ihm sehr wichtig. Mit ihnen will er in diesem Jahr seinen runden Geburtstag feiern. Er wird im Oktober 50.

Als junger Mann machte Knauer eine Ausbildung zum Maurer und danach eine Weiterbildung zum Bautechniker, lernte eine Frau kennen, heiratete, bekam die ersten beiden Töchter. Irgendwann scheitert seine Ehe. »Mir war damals alles egal, außer, dass ich mein Saufleben weiter durchziehen konnte«, bekennt er. Und auch, dass er damals noch kein Bewusstsein für sein Problem gehabt habe. Noch heute kann er sich genau an den Zeitpunkt erinnern, als ihm bewusst wurde, dass er sein eigenes Leben nicht mehr im Griff hat: »Das war auf dem Rückweg von München. Da habe ich plötzlich festgestellt, dass ich ohne Alkohol Entzugserscheinungen habe. Ich bin ohne Alkohol regelrecht in ein Loch gefallen, war aggressiv gegen andere und später dann depressiv. Je mehr Alkohol ich trank, desto größer wurden meine Wahnvorstellungen und auch die Eifersucht. Das war wie ein Teufelskreis.

Mir wurde an dem Tag plötzlich klar: Jetzt ist Ende. So wollte der damals 45-Jährige nicht mehr leben. »Darauf hatte ich keinen Bock mehr. Ich habe mich selber nicht mehr leiden können«, sagt er. Auch seine damalige Lebensgefährtin, mit der er gemeinsam seine dritte Tochter hat, ermutigt ihn, seine Sucht zu bekämpfen. Peter Knauer beschließt, einen Weg aus der Sucht zu suchen. Sein eigener Leidensdruck war im Nachhinein sein größter Motivator.

Dann geht alles sehr schnell. Erst zehn Tage Entzug, dann sechs Wochen Tagesklinik und im Anschluss 16 Wochen in der ganztägig ambulanten Tagesreha Bodensee-Oberschwaben der Zieglerschen in Ravensburg. »Der Entzug war nicht höllenmäßig. Ich war nur unruhig und fühlte mich leicht unwohl. Es war nicht das körperliche – der psychische Entzug war viel schlimmer.«

Peter Knauer ist sehr dankbar für seine Zeit in der Therapie: »Alle, die mir in meiner Rehazeit in den Einrichtungen begegnet sind, haben riesiges Engagement aufgebracht und wollten mir helfen. Die hatten dort alle einen Plan, und ich konnte in dieser Zeit so viel über mich erfahren, wie sonst in keiner anderen Zeit meines Lebens. Das war wirklich der Hammer! Hart, aber top.«

Heute, fünf Jahre nach seinem Entzug, ist Peter Knauer immer noch clean. Und seit ebenfalls fünf Jahren feiert er jedes Jahr zweimal Geburtstag – einmal im Herbst den Tag seiner Geburt und im Frühling den Jahrestag seines Reha-Antritts. Noch heute steht er im Kontakt zu Martin Kunze, dem Therapeutischen Leiter der Tagesreha Bodensee-Oberschwaben, der ihn damals auf seinem Weg aus der Sucht begleitet hat.

Am Jahrestag seiner Sucht-Reha schickt Peter Knauer ihm immer eine Mail. Und einmal pro Jahr kommt er auch zu Besuch. Er nimmt sich Zeit für die Menschen, die dort gerade eine Therapie machen und einen Weg aus der Sucht suchen. »Die Patienten hier sind regelmäßig begeistert, wenn er zu uns kommt und über sein Leben erzählt«, berichtet Kunze. »Herr Knauer war für mich ein besonderer Patient. Er stellte sich von Anfang an der schonungslosen Auseinandersetzung mit sich und seiner Suchterkrankung. Vom ersten Tag an wollte er seine persönliche Entwicklung und die Funktion der Sucht besser verstehen und einordnen. Insgesamt ein authentischer Mensch, der sich und anderen nichts vormacht und bei dem man wusste, woran man ist.«

Heute empfiehlt Peter Knauer: »Man muss sich selber annehmen und mit sich zufrieden sein. Das macht viel gelassener. Ich kann heute vieles besser erkennen und dann reagieren. Wenn mich etwas ärgert, kann ich joggen oder offensiv das Gespräch suchen. Ich kann heute auch mal ganz offen sagen: Ich bin scheiße drauf und habe Leute, die mir zuhören. Und ich kann nach wie vor ausflippen – nur jetzt halt ohne Alkohol. Manchmal muss ich zur Entspannung auch einfach nur mit meinem Motorrad durchs Allgäu düsen. «

Wie und wo Peter Knauer dieses Jahr seinen Geburtstag feiern will, steht noch nicht fest. Vielleicht eine Spritztour nach Amsterdam. Oder ein Grillfest im heimischen Garten. Doch der Ort ist ihm eher zweitrangig: Wichtig ist nur, dass miteinander gefeiert wird und seine Töchter bei ihm sind.

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