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Ehemalige Patienten der Tagesreha Bodensee-Oberschwaben erhalten „Abstinenzkerzen“

30.11.2016 | Von Sarah Benkißer | Suchthilfe

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Rund 70 ehemalige Patienten der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben verfolgten den Fachvortrag von Christiane Sautter. / Foto: Die Zieglerschen

Rund 70 ehemalige Suchtpatientinnen und -patienten der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben haben sich zu einer Feier in Ravensburg wieder getroffen. Als sichtbares Zeichen ihrer erfolgreichen Therapie bekam jeder von ihnen eine "Abstinenzkerze" überreicht. Die ravensburger Therapeutin Christiane Sautter referierte über den Zusammenhang zwischen Traumatisierungen in früher Kindheit und Suchterkrankungen.

"Wir sind ganz gerührt, wie viele von Ihnen sich dieses Jahr wieder angemeldet haben", begrüßte Martin Kunze, Leiter der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben die Gäste. Sie alle sind ehemalige Patientinnen und Patienten, die im Laufe der mittlerweile 13-jährigen Geschichte der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben der Zieglerschen dort eine erfolgreiche ganztägig ambulante Suchttherapie gemacht haben. Aufgrund der hohen Zahl der Anmeldungen fand die Veranstaltung im Gemeindesaal der Dreifaltigkeitskirche in der ravensburger Weststadt statt. Die eigenen Räumlichkeiten in der Zwergerstraße, die für bis zu 15 Patientinnen und Patienten auslegt sind, hätten die rund 70 Gäste des Ehemaligentreffens gar nicht aufnehmen können.

Unter dem Titel "Trauma und Sucht" referierte Therapeutin Christiane Sautter, die mit ihrem Mann eine "Praxis für systemische Therapie" in Ravensburg betreibt, über den Zusammenhang von Suchterkrankungen mit traumatischen Erlebnissen insbesondere in der frühen Kindheit. Es sei belegt, dass – je nach Studie – zwischen 70 und 90 Prozent aller Suchtkranken schwere Traumatisierungen in ihrem Leben erfahren hätten. Das Suchtmittel helfe den Betroffenen dabei, mit dem Trauma zu leben, auch wenn sie sich der Erlebnisse, die oft aus frühester Kindheit stammten, selbst gar nicht bewusst seien. Daher sei es wichtig, während einer Suchttherapie in der eigenen Vergangenheit nach Traumatisierungen zu suchen und sie zu bearbeiten. Denn sobald das Suchtmittel nicht mehr konsumiert werde, brächen die Traumasymptome verstärkt durch. Dadurch wiederum erhöhe sich das Verlangen nach dem Suchtmittel und ein Rückfall werde wahrscheinlicher. Sautter legte dabei Wert auf eine klare Einordnung: "Ein Rückfall kommt nicht, weil Sie schwach sind, sondern weil Ihnen in Ihrer Kindheit vielleicht etwas passiert ist, an das Sie sich womöglich gar nicht mehr bewusst erinnern."

Höhepunkt des Ehemaligentreffens war die Überreichung der sogenannten "Abstinenzkerzen". "Wir wissen ja, dass viele von Ihnen nur wegen der Kerzen da sind", leitete Martin Kunze den Programmpunkt augenzwinkernd ein. Auf die längste Dauer erfolgreicher Abstinenz blickte ein Patient zurück, der bereits vor zwölf Jahren seine Suchttherapie beendet hatte. Aber auch diejenigen, die erst vor wenigen Jahren oder sogar erst Monaten ihre Therapie abgeschlossen hatten, wurden mit einer Kerze geehrt. Im Namen des Förderkreises Suchtkrankenhilfe der Zieglerschen, in dem vor allem ehemalige Patientinnen und Patienten engagiert sind, dankte Vorstandsmitglied Olaf Kohler-Ossinski den Mitarbeitenden der Tagesrehabilitation für ihre Arbeit. Er erklärte: "Ich weiß dass es für Sie, die Sie dauernd mit Belegungszahlen und Kostenzusagen zu kämpfen haben, nicht immer leicht ist. Ein großer Dank an Sie, dass Sie jeden einzelnen Patienten mit all seinen Problemen annehmen."

Die Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg bietet eine sogenannte "ganztägig ambulante" Therapie für suchtkranke Menschen nach der Entgiftung an. Die Patientinnen und Patienten aus dem gesamten Raum Bodensee-Oberschwaben kommen an allen Wochentagen einschließlich des halben Samstags morgens in die Räumlichkeiten in der Zwergerstraße. Im Tagesablauf gibt es Einzel- und Gruppengespräche sowie viele weitere Angebote wie z.B. Ergotherapie. Abends kehren die Patienten nach Hause zurück. Diese Form der Suchtrehabilitation ist vor allem für diejenigen Suchtpatienten ein Gewinn, die ein stabiles soziales Umfeld haben und dieses nicht verlassen möchten. Zugangsvoraussetzung ist zum einen die Volljährigkeit der Patienten sowie die Bewilligung eines Reha-Antrags durch die Deutsche Rentenversicherung. Die Anträge werden mit Unterstützung der jeweils zuständigen Suchtberatungsstelle gestellt. In Ravensburg ist dies die Psychosoziale Beratungsstelle der Caritas in der Seestraße. In Friedrichshafen berät die Diakonie in der Katharinenstraße.

Das Team der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben begleitet Menschen mit Suchtproblemen. / Foto: Die Zieglerschen

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